Urban Affairs im Stadtbad Wedding
Erstellt von Rolf am Montag 13. Juli 2009 in Sonstiges
Die Eröffnung der diesjährigen Street-Art Ausstellung Urban Affairs im Stadtbad Wedding verlief unspektakulär. Veranstalter Jochen Küpper (RIOTarts) verlor auf der Treppe nur wenige Worte über die räumlichen Ausmaße der Präsentationsflächen in dem stillgelegten Hallenbad. Dann schoben sich die ersten fünfzig Besucher am verwaisten Kassenkabuff vorbei und entdeckten einen inspirierenden Ort, der wie geschaffen ist für die normalerweise auf der Straße beheimatet Kunstform.
Die ehemalige Umkleiden mit dem morbiden Charme eines rasanten Verfalls gehen mit dem in den Kunstwerken vorherrschenden Mix von Gewalt und Aggression eine innige Liäson ein. Wie auch die Abbildungen von verwahrlosten und verletzten Kindern in den Stencel Art Pieces von ALIAS. Die darin enthaltene Gesellschaftskritik hinterläßt im Hirn eine mulmige Leere, die nurnoch von der der ausgelassenen Schwimmbecken übertroffen wird.
Dort tummeln sich Schmetterlinge an drei Kohlköpfen, die auf dem nicht mehr besprungenen Drei-Meter-Brett liegen. Die Kohlweißlinge wurden aus einem schweizer Forschungslabor freigekauft, um zum Bestandteil einer eigenartigen Installation zu werden, die sich dem Betrachter vordergründig nicht erschließt.
Ganz im Gegensatz zu den plakativen Aussagen von Street-Art-Aktivisten El Bocho. Er hat innerhalb von zwei Wochen vor Beginn der Urban Affairs die gesamte Straßenfassade des Stadtbades Wedding mit dem größten Tape-Art Kunstwerk der Welt verziert. 15.000 Meter farbiges Klebeband hat er an die Wand gebracht, um eine attraktive, rothaarige Frau sagen zu lassen: “AND THEN WE TAKE BERLIN”. Eine ebenso klare Aussage wie sein Ausstellungsbeitrag auf großflächiger Leinwand mit dem Konterfei von Barak Obama, der von sich behauptet, nur ein Bürger zu sein.
Spannend wird die Urban Affairs, die 2009 zum zweiten Mal stattfindet, immer dann, wenn die Künstler mit dem Interieur interagieren. So wie sie es normalerweise bei ihren nächtlichen Streifzügen durch Berlin City auch sonst tun. Wenn über die gesamte Breite der Spindtüren ein Rabe prangt, man in seine Eingeweide schauen kann und wie selbstverständlich eine Schranktür offen steht, zeigt sich der intelligente und subtile Humor, der die Street-Art für viele Menschen so sympathisch macht.
Hier geht es nicht um komplexe zeitgenössisch bildende Kunst, sondern um schnell zu rezipierende Messages. Sie kommen einfach, wie die uns überall umgebende Werbung, daher, kriechen aber mit versteckten Subtexten ins Bewusstsein, wenn man schon längst mit einem sommerlichen Kaltgetränk auf der Terasse des Bades sitzt. So wie die in Cut-out-Technik geklebte “Krisen-Krake” von EMESS, die alle Leit-Währungen dieser Welt fest in den Fangarmen hält. Sie weißt möglicherweise auf die unmittelbar negativen Auswirkungen der rückgängigen Konjunktur auf den Abverkauf der in den letzten Jahren als Wertanlage so hoch geschätzten modernen Kunst hin.
Dabei sind die Straßenkunstwerke hier sicherer und gewinnversprechender untergebracht, als in der freien Wildbahn. Denn es hat sich mittlerweile zu einem beliebten Abendvergnügen von Hauptstädtern und Touristen entwickelt, z.B. die ausgeschnittenen und mit Leim angebrachten Kunstwerke der Street-Artisten vorsichtig zu entfernen und bei sich als Trophäe in Küche, Bad oder auf dem Balkon als cooles Accessoire zweitzuverwenden.
Doch die Künstler nehmen den Diebstahl gelassen hin. Sie sehen darin Bestätigung und PR-Maßnahme zugleich, denn was gefällt, wird geklaut und findet weitere Verbreitung in der stetig wachsenden Fan-Szene.