Street Art – Reclaim the City!
Erstellt von Nils am 28. Oktober 2009
Egal, ob im Auto, zu Fuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Weg zur Arbeit, zur Verabredung, zum Termin oder generell, wenn man sich in der City von A nach B – überall in der Stadt begegnet man bunten Hausfassaden, beklebten Parkbänken oder besprühten Stromkästen. Provokative Statements oder subtile und mehrdeutige Messages, gepaart mit lustig drein schauenden, comicartigen Charactern verfolgen einen auf Schritt und Tritt. Als „unfreiwilliger“ Betrachter stellt sich einem häufig die Frage: Was ist das? Urbane Kunst, Provokation, Vandalismus oder eine moderne Art der Stadtverschönerung?
In den letzten Jahren hat sich diese Form der städtischen Kunst, die so genannte Street Art, zu einem urbanen und zeitgenössischen Kunstgenre etabliert, auf das man überall in der Stadt trifft. Street Art erscheint schon lange nicht mehr auf Zügen oder entlang der Bahngleise als ein buntes, nur schwer lesbares Wirrwarr aus Buchstaben, sondern präsentiert sich direkt und mittendrin im innerstädtischen Umfeld, in Wohnvierteln und allem voran außerhalb kunstspezifischer Orte. Somit ist Street Art schlicht und ergreifend freie Kunst und Ausdrucksform im öffentlichen Raum.
Längst muss der Betrachter nicht mehr zur Kunst kommen, sich in Museen oder Ausstellungen tummeln. Vielmehr wird er unmittelbar mit Kunst konfrontiert, da sie in öffentliche Bereiche expandiert und die City verschönert. Parkbänke, Stromkästen, Bürgersteige oder Hausfassaden werden zweckentfremdet und fungieren als ästhetisch integrative Teile häufig politischer oder sozialer Botschaften. Für manche Künstler ist Street Art eine individuelle typographische Sprache, für manche die Möglichkeit zur aktiven Stadtverschönerung und für wieder andere eine künstlerische Plattform zur Meinungsäußerung oder individuelles Zeichensetzen.
Die Stadt, mit ihren fast uneingeschränkten Platzierungsmöglichkeiten für diverse Botschaften, erscheint beinahe wie ein riesengroßer Abenteuerspielplatz für kreative Köpfe und Street Art-Künstler, die beim unfreiwilligen, weil stets konfrontierten Betrachter einen Irritationsmoment auslösen wollen. Street Art möchte den Betrachter auffordern, eine eigene Meinung in ein Bild hineinzulesen. Sie setzt ein alternatives, deutungsoffenes Zeichen in den öffentlichen Raum.
Street Art ist allerdings nicht mit Graffiti gleichzusetzen. Die Anfänge von Graffiti liegen etwa rund 30 Jahre zurück. Die New Yorker U-Bahn gilt als die Geburtsstätte des heutigen Graffitis, das damals erstmalig für öffentliche Ärgernisse sorgte. Heute sind die bunten Schriftzüge mittlerweile ein vertrauter Anblick. Was viele als neuerliche Schmierereien empfinden, hat mit klassischem Graffiti nicht mehr viel gemeinsam. Während Graffiti auf ein auf Masse gepoltes Verbreiten des persönliches Schriftzuges setzt, ähnlich einem „Reviermarkieren“ ohne hohen Kunstgehalt, hat Street Art einen sehr hohen künstlerischen und visuellen Anspruch, kombiniert mit einer mal mehr, mal weniger deutlichen Aussagen, bildlichen Provokationen oder Denkanstößen. Graffiti konzentriert sich auf die massenhafte Streuung von häufig schwer lesbaren Unterschriften, Namen und Buchstaben. Die Macher der Street Art arbeiten hingegen mit eher allgemein verständlichen und individuell deutbaren Icons, Charactern und vor allem mit einer ästhetischen Wiederholung ihrer individuellen Motive in der gesamten Stadt. So besteht Street Art nicht nur aus banalen Sprühereien, sondern bedient sich unterschiedlicher Macharten, Materialien und Medien wie z. B. Arbeit mit Schablonen oder Plakaten, Tape-Art (Rolf hat darüber bereits am 13.Juli geschrieben), Malerrollen, Aufkleber u.ä. Die Motive, Characters oder auch Schriftzüge sind in der Regel aktiv ins Stadtbild integriert, weswegen sie das Gesamtbild der City nicht stören und sich deshalb an der stark zunehmenden Akzeptanz und Beliebtheit erfreuen.
Ursprünglich hat sich Street Art, ähnlich wie Graffiti, ihren Weg auf illegale Weise gebannt. Doch mittlerweile hat sie sich zum anerkannten und anspruchsvollem Genre entwickelt, das sich immer wieder neu erfindet. In jüngster Zeit wird man zunehmend auf Galerien aufmerksam, die Street-Art Arbeiten ausstellen.
Um einen Eindruck über die vielfältige und facettenreiche Bandbreite von Street Art zu bekommen, empfiehlt es sich die Arbeiten von Bansky, einer internationalen Koryphäe dieses Genres, oder auch von dem jungen, aufstrebenden Berliner Künstler El Bocho anzuschauen.
Weiterführende Links:
· Internationale Street-Art- und Graffiti-Galerie: http://www.graffitieuropa.org/streetart/index.htm
· Graffiti- und Street-Art-Enzyklopädie online: kommentierte Bildbeispiele aller Street-Art-Varianten: http://graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm
· El Bocho: http://www.elbocho.net/
· El Bocho: http://www.myspace.com/elbochoberlin
Literatur:
· Hundertmark, Chr., 2003: Art Of Rebellion. The World Of Streetart. Hamburg: Publikat
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